Deutscher Gewerkschaftsbund

15.04.2014
Europapolitik

Griechenland wird zum Testballon

Zahlreiche Gäste interessierten sich für die Griechenland-Veranstaltung von DGB und Florakreis

Zahlreiche Gäste interessierten sich für die Griechenland-Veranstaltung von DGB und Florakreis in Würzburg

Würzburg. Großes Interesse gab es am vergangenen Donnerstag für eine Veranstaltung des DGB und des Florakreises in Würzburg. „Sie schlagen Griechenland und gemeint sind wir alle“, war der Titel der Veranstaltung, bei der Ulrike Eifler, DGB Gewerkschaftssekretärin aus Gießen, sprach. Ulrike Eifler präsentierte dabei einen Film, den sie während eines Griechenlandaufenthaltes im Jahr 2013 zusammenstellte.

„Aus der Finanzkrise ist eine soziale Krise geworden und aus der sozialen Krise wird eine humanitäre Krise. Den Menschen in Griechenland fehlt es an allem“. So lautete das Fazit von Ulrike Eifler, die Mitte April des vergangenen Jahres mit 15 jungen Kollegen zu einer Bildungsreise nach Athen aufgebrochen war.

Ulrike Eifler berichtete, dass etwa 80 Prozent der Bevölkerung die Krise unmittelbar spüren. Jeder dritte Grieche sei ohne Arbeit. Damit übersteige die Zahl der Menschen ohne Arbeit zum ersten Mal die Zahl derjenigen, die Arbeit haben. Besonders betroffen seien junge Menschen und unter ihnen vor allem Frauen. Fast zwei Drittel aller jungen Frauen seien arbeitslos. „Wer den Job verliert, verliert alles“, sagte die Gewerkschafterin. „Nach zwölf Monaten Arbeitslosigkeit gibt es keine Unterstützung mehr. Die Menschen verlieren ihre Wohnungen. Junge Erwachsene ziehen zurück zu ihren Eltern. Der Krankenversicherungsschutz erlischt“.

Vor allem im Gesundheitsbereich habe es massive Kürzungen gegeben. Gummihandschuhe, Katheter, Verbandsmaterial – wer im Krankenhaus behandelt werden möchte, muss vorher in der Apotheke einkaufen, was für die Behandlung notwendig ist. Häufig müssten die Menschen in Vorleistung treten, wenn sie behandelt werden wollen. „Wir haben uns ein großes Krankenhaus angesehen. Auf den Toiletten gibt es nicht einmal Seife“, sagt Eifler. Besonders dramatisch aber sei die Situation für chronisch Kranke, Drogenabhängige, Behinderte oder Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wer die Medikamente oder Therapien nicht bezahlen kann, bleibt sich selbst überlassen. „Dazu kommt, dass internationale Pharmakonzerne die Lieferung bestimmter Medikamenten nach Griechenland gestoppt haben, weil die griechischen Krankenhäuser nicht mehr dafür zahlen können. Bestimmte Medikamente gibt es also einfach nicht mehr in Griechenland“.

Auch im Bildungsbereich seien die Kürzungen massiv. So seien im letzten Jahr 2.000 Schulen in Griechenland zusammengelegt oder geschlossen worden. In diesem Jahr sollen noch einmal 2.000 weitere Schulen geschlossen werden. „Eine Lehrerin erzählte uns, dass viele Kinder längst nicht mehr zur Schule gingen, weil der Schulweg inzwischen zu lang und das Fahrgeld nicht zu bezahlen sei. Das schlimmste aber ist der Hunger. Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele von Kindern, die während des Unterrichts vor Hunger in Ohnmacht fallen“, berichtet Ulrike Eifler eindrucksvoll. „Da werden die Träume und Lebensentwürfe einer ganzen Generation von der Troika kaputt gespart“, war die Einschätzung der DGB Sekretärin.

Die Not der Menschen sei so groß, dass sie anfangen, sich selbst zu organisieren. „In sogenannten Stadtteilkomitees organisieren sie Volksküchen. Sie organisieren Nachhilfe für die Kinder ihres Stadtviertels und errichten sogenannte medizinische Stützpunkte. Hier arbeiten Ärzte in ihrer Freizeit und stellen die medizinische Erstversorgung auch für Menschen ohne Krankenschutz sicher“.

Im Verlauf des Abends wurde schließlich ausführlich darüber diskutiert, wie die Rolle von Troika, Europäischen Einrichtungen und IWF bei der Durchsetzung europäischer Kapitalinteressen zu bewerten ist. Griechenland werde zum Testballon für weitere Länder, die in den Strudel einer ökonomischen Krise geraten, hieß es in einem Diskussionsbeitrag.