Deutscher Gewerkschaftsbund

11.04.2014
IG Metall

„Gegenwehr, das ist Gewerkschaftsarbeit“

Gäste im Saal

Gäste im Saal DGB Unterfranken

Bamberg. Er ist Journalist, Aufklärer und Mut Macher. Dr. Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung. Er sprach vor gut 100 Metallerinnen und Metallern in Bamberg im Rahmen der „Denkfabrik Main“, einer Veranstaltungsreihe der benachbarten IG Metall Verwaltungsstellen Bamberg und Schweinfurt.

Seine professionell vorgetragene 75minütige Rede war ein Plädoyer für den Sozialstaat, die Demokratie und dem Europa der Bürger, welches es noch zu entwickeln gelte. Bemerkenswert klar stellte Prantl den Sozialstaat und die Demokratie nebeneinander auf dieselbe Stufe: „Demokratie und Sozialstaat sind eine Einheit, gehören zusammen.“ Greife der Niedriglohn um sich, werden Arbeitsverhältnisse immer prekärer, die Renten immer kleiner und die Schwachen drangsaliert, breite sich das Gefühl der Ungerechtigkeit aus. Dieses Ungerechtigkeitsgefühl wiederum sei „Gift für die Demokratie“. Heute drücke sich dieses Gefühl in Wahlenthaltung aus. Immer mehr Menschen seien frustriert, weil ausgegrenzt. Ausgegrenzt durch eine Politik der Agenda 2010, die das Kapital vor den Menschen stelle. Dabei habe Politik die Aufgabe die Ungerechtigkeiten abzuflachen, zu beseitigen, nicht sie zu zementieren.

Denn ungerecht beginne das Leben und ende es auch. Weil die Natur ungerecht sei. Der Eine werde als Sohn reicher Eltern geboren, der Andere als Kind armer Schlucker. Die Eine habe ihr Leben lang gesundheitliche Probleme, die Andere nie, der besseren Gene wegen, die sich niemand erarbeitet hätte. So deklinierte der 60jährige einige griffige Beispiele um zu sagen wozu es Demokratie und Sozialstaat brauche „damit es dazwischen nicht ungerecht bleibt“! Mit einem Seitenhieb auf (den inzwischen bedeutungslosen) Guido Westerwelle unterstrich Prantl seine Meinung. „Dekadent ist nicht der, der Ungerechtigkeiten beseitigen will. Dekadent ist derjenige, der es dabei belassen will.“

Den Menschen vor die Interessen der Finanzwirtschaft zu stellen, sie auch die Aufgabe von Europa. Die Europäische Union ist für den 60jährigen Starjournalisten das weltweit erfolgreichste Friedensprojekt nach 1000 Jahren Krieg jeder gegen jeden. Doch Europa dürfe nicht nur Wirtschafts- und Finanzgemeinschaft sein, Europa müsse auch Heimat sein. Und Heimat schaffe man nur mit einem funktionierenden Sozialstaat, den Europa in den Südländern gerade dem Erdboden gleichmache. Prantl forderte unter Applaus die Änderung des Lissabon-Vertrages wo dem Wettbewerb Verfassungsrang zugesprochen würde. Bei den Europawahlen gelte es hinzugehen und genau zu prüfen, wer ein soziales Europa wolle und wer nicht. Dabei sei die Gefahr groß, dass nationale Egoismen in den Vordergrund drängen, sollten Rechtsaußen-Parteien Wahlerfolge feiern.

Zum Ende seines Vortrages ging Prantl auf die Gewerkschaften ein. Hohen Respekt habe er vor der Arbeit von IG Metall und Co., vor dem täglichen Einsatz von Betriebsräten, deren Aufgaben immer komplexer würden. Er riet den Gewerkschaften sich wieder der großen Vision der Wirtschaftsdemokratie anzunehmen. Einer wirklichen Mitbestimmung, in der Arbeit und Kapital gleichberechtigt sind. Das hieße für die betriebliche Mitbestimmung, Mitbestimmung der Betriebsräte auch in wirtschaftlichen Angelegenheiten, bei Verlagerungen, Personalabbau etc. Für die Unternehmensmitbestimmung hieße dies gleiches Gewicht im Aufsichtsrat. Volle Mitbestimmung bei strategischen Unternehmensentscheidungen wie Zukäufen, Verkäufen, Investitionen etc. Demokratie eben. Wirtschaftsdemokratie. Und Gewerkschaftsarbeit sei für ihn ganz allgemein: „Gegenwehr, das ist Gewerkschaftsarbeit.“