Deutscher Gewerkschaftsbund

24.05.2016

Erfolg durch Solidarität, von Frank Firsching

Frank Firsching, DGB Regionsgeschäftsführer

Frank Firsching, DGB Regionsgeschäftsführer

Als Gewerkschafter darf man in diesen Tagen erhobenen Hauptes durch die Gegend laufen. Denn ohne zu übertreiben darf festgestellt werden, dass die jüngsten Tarifabschlüsse von ver.di, IG Metall und wohl auch der IG BAU deutliche Reallohnzuwächse für etwa sechs Millionen Beschäftigten zum Ergebnis haben. Dabei fällt auf, wie nahe die Abschlüsse beieinander liegen.

Ohne Berücksichtigung der Details steigen die Löhne im öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen jeweils in zwei Stufen um 4,75% (2,4% plus 2,35% bei 24 Monaten), in der Metall- und Elektroindustrie um 4,8% (2,8% plus 2% bei 21 Monaten) und im Bauhauptgewerbe um 4,6% (West, 2,4% plus 2,2% bei 22 Monaten). Das sind auf dem ersten Blick keine außergewöhnlich hohen Abschlüsse. Unter Berücksichtigung der aktuell historisch niedrigen Inflationsrate von 0,5% fürs Jahr 2016 und prognostizierten 1% für 2017 jedoch, werden aus eher durchschnittlichen Entgelterhöhungen deutliche Reallohngewinne. Folgerichtig spricht die IG Metall vom „fairen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg“, ver.di von „deutlichen Reallohnsteigerungen“ und die IG BAU von einem „spürbaren realen Nettolohnzuwachs“, der erzielt werden konnte.

Alles in Butter ist es aus gewerkschaftlicher Sicht dennoch noch lange nicht. Weil die Reallohnentwicklung seit 20 Jahren nicht wirklich vorankommt, weil die Tarifflucht der Arbeitgeber die Wirkung von tariflichen Lohnerhöhungen ebenso vermindert wie betriebliche Ausgliederungen und der missbräuchliche Einsatz von Werkverträgen und Leiharbeit. Letztlich die Arbeitgeber alles dafür tun, um die tariflich vereinbarte Lohnerhöhung an möglichst wenige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch tatsächlich zahlen zu müssen. Wie erfolgreich diese Strategie in den letzten beiden Jahrzehnten war, zeigt ein Blick auf die Reallohnentwicklung in unserem Land. Im Zeitraum von der Jahrtausendwende bis 2013 war diese um minus 1,5% rückläufig. Im Gegensatz dazu stiegen die Reallöhne dieses Zeitraums beispielsweise in Norwegen um 39%, in Schweden um 26,7% und in Finnland um 22,1%. Selbst in den USA kletterten die Reallöhne um 3,2% und in Japan um 2,5%. Die Gründe für dieses deutsche verteilungspolitische Fiasko wurden schon genannt. Sie sorgen dafür, dass die tariflich erstrittenen Lohnerhöhungen nur noch bei gut 50% der Beschäftigten ankommen. Doch gerade in den Bereichen, in denen Lohnerhöhungen am nötigsten wären, nämlich im Niedriglohnsektor finden sie nicht statt. In den wachsenden tariffreien Zonen gibt es kaum Lohnerhöhungen, teils über Jahre hinweg warten die Beschäftigten taten- und erfolglos auf die Anhebung ihrer Bezüge. Die Folge sind stetig fallende Reallöhne, da nicht einmal die Preissteigerungsrate ausgeglichen wird. Im Gegensatz dazu steigen die Reallöhne all derer, die von Gewerkschaften erstrittenen tariflichen Lohnerhöhungen profitieren. Die Einkommensschere driftet folglich auch in der Arbeitnehmerschaft immer weiter auseinander. Zwar hat der 2015 eingeführte gesetzliche Mindestlohn seine Wirkung nicht verfehlt und sichert den Lohnanspruch nach unten ab. Lohngerechtigkeit kann er jedoch nicht herstellen.

Lohngerechtigkeit wünschen sich viele. Sie zu erreichen ist nahezu ausgeschlossen. Weil es in unserem Wirtschaftssystem eben keine übergeordnete Stelle gibt, die eine, wie auch immer geartete, Lohngerechtigkeit herstellen könnte. Es bleibt dabei: Löhne sind dem freien Spiel der Kräfte ausgesetzt. Entweder der einzelne Arbeitnehmer erstreitet seine Lohnerhöhung individuell selbst, oder kollektiv in einer Gewerkschaft. Welche Strategie aus Arbeitnehmersicht die deutlich überlegen ist, belegen die aufgeführten Zahlen und Entwicklungen. Und weil alle wissen, dass Erfolg nur mit Solidarität zu erreichen ist, brauchen wir in der Tat mehr Solidarität unter den Beschäftigten. Und dafür sind die Beschäftigten nun einmal selbst zuständig. Unsere Aufgabe als Gewerkschaften besteht nach wie vor darin, für diese Überzeugung zu werben. Damit wir auch weiterhin erhobenen Hauptes durch die Gegend laufen können und die Welt dabei ein Stückchen gerechter machen.


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