Deutscher Gewerkschaftsbund

23.06.2016

Über das Märchen des Gelingens der individuellen Gehaltsverhandlung

von Frank Firsching

Frank Firsching, DGB Regionsgeschäftsführer

Frank Firsching, DGB Regionsgeschäftsführer DGB Ufr.

Vergangenen Freitag, am 17. Juni, titelte die Main-Post in ihrem Wirtschaftsteil „So gelingt die Gehaltsverhandlung“. Der Autor Niklas Molter hat in einem Frage – Antwortspiel viele scheinbar nützliche Tipps für Beschäftigte zur Verwirklichung einer Gehaltserhöhung parat. Der Tipp einer Gewerkschaft beizutreten um kollektive Gehaltsverhandlungen im Rahmen einer Tarifverhandlung zu führen war nicht dabei. Schade eigentlich, denn das ist fast ausnahmslos der erfolgreichste Weg für Beschäftigte auf eine stetig positive Lohnentwicklung.

Aber darum scheint es dem Autor nicht zu gehen. Im Artikel geht es wohl mehr um die Botschaft, dass jede/r Beschäftigte die Möglichkeit habe seinen Lohn in einem netten Gespräch bei Kaffee und Gebäck mit dem Arbeitgeber nach oben zu schrauben. Den Tipps zufolge stiegen dabei die Erfolgsaussichten wenn die „Verhandlung“ „nicht montags oder freitags“ terminiert wären, das „Outfit gut sitzt und nicht zu gemütlich oder alltäglich“ sei und die Argumente für eine Lohnerhöhung gut vorbereitet wären. Und weil „Verhandlungen nicht logisch, sondern psychologisch“ seien, betrügen die ausgehandelten Gehaltssteigerungen rund fünf Prozent, in Sonderfällen gar zehn Prozent. Scheitere man mit seinen Lohnforderungen könne zudem über Urlaubstage verhandelt werden. Und wenn gar nichts ginge, gebe es nur die Option das Unternehmen zu wechseln. Soweit die veröffentlichte Theorie.

Nun mag es Beschäftigte im mittleren und oberen Management, oder auch Beschäftigte mit einem unersetzlichen Spezialwissen geben, für die individuelle Gehaltsverhandlungen erfolgsversprechend sein können. Für die große Masse der mehr als 31,2 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und den 7,2 Mio. MinijobberInnen müssen diese Tipps wie zynische Zwischenrufe erscheinen. Ihre Position für individuelle Lohnverhandlungen ist unter den bestehenden Rahmenbedingungen, wie z.B. die Hartz IV- Gesetzgebung, nämlich eine sehr Bescheidene. Ich denke da an den Handwerker im Kleinbetrieb, für den das Wort Lohnerhöhung seit Jahren ein Fremdwort ist. Ich denke an den Zeitungszusteller der Main-Post, der für ein individuelles Gespräch über eine Lohnerhöhung beim Geschäftsführer nicht einmal einen Termin bekommen würde. Ich denke an die Bäckereifachverkäuferin bei einem Industriebäcker, die froh ist überhaupt den Mindestlohn eins zu eins und ohne Mogelei zu erhalten. Ich denke an die Altenpflegerin, deren Beruf grundsätzlich schlecht bezahlt wird, obwohl dort Fachkräftemangel herrscht. Ich denke an den Industriearbeiter in einem nicht-tarifgebundenen Betrieb, der im Durschnitt knapp sechs Euro in der Stunde weniger erhält, als sein Kollege der die gleiche Arbeit unter dem Schutz des Tarifvertrages der IG Metall abliefert. Ich denke an den Leiharbeiter, für den das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ den gesetzlichen Vorschriften zufolge nun ab dem 9. Monat der Beschäftigung am gleichen Arbeitsplatz gelten soll. Ich denke an die Fachkraft für Lagerlogistik, die entlassen wird, wenn sie nur das Wort Betriebsratsgründung in den Mund nimmt. Ich denke an den rumänischen Schlachter, der in deutschen Großschlachthöfen über Werkvertragskonstellation sogar um den gesetzlichen Mindestlohn geprellt wird. Diese Aufzählung ließe sich bis ins unendliche fortführen. Sicher ist, dass die Unterüberschrift dieses perfiden Artikels lautet: „Eine Lohnerhöhung ist kein Hexenwerk – wenn man die wesentlichen Spielregeln beachtet“. Mir scheint, der Autor hat nicht den blassesten Schimmer von den Spielregeln auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Mit einem Lächeln, perfekter Kleidung, exakten Timing und guten Argumenten jedenfalls lassen sich die Räder der Lohnentwicklung nur schwerlich drehen. Das ist die Erfahrung aus der 150jährigen Gewerkschaftsgeschichte. Und diese Erfahrung lässt sich anhand der Reallohnentwicklung statistisch belegen: So ist die Tariflohnentwicklung in Deutschland immer besser als die gesamte Lohnentwicklung. Eben weil die kollektive Interessensvertretung aus Sicht der Arbeitnehmer deutlich effektiver ist, als der individuelle Versuch zu mehr Lohn zu kommen. Das Tarifregister des Landes Nordrheinwestfalen hat für den Zeitraum der Jahre von 2000 bis 2015 reale tarifliche Bruttolohnsteigerungen von 7,8 Prozent errechnet. Zum Vergleich lagen die gesamten realen Bruttolohnsteigerungen in diesem Zeitraum nur bei 0,3 Prozent (DGB Verteilungsbericht 2016). Und nachdem die Tarifbindungsquote nur noch bei gut 50 Prozent liegt, müssen die Beschäftigten, die ohne eine tarifliche Lohnentwicklung auskommen mussten in diesem Zeitraum deutliche Reallohnverluste hingenommen haben. Soviel zum Gelingen von individuellen Gehaltsverhandlungen.

Es ist aus meiner Sicht sehr bedauerlich, dass Artikel, die derart an der Wirklichkeit der Menschen vorbeigehen, von seriösen Medien gekauft und kommentarlos veröffentlicht werden. Ich finde, wenn man meint diese Tipps veröffentlichen zu müssen, besteht die journalistische Pflicht darin, das deutlich überlegene System der kollektiven Lohnfindung gegenüber zu stellen.


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