Deutscher Gewerkschaftsbund

27.10.2015

Im Rahmen der interkulturellen Woche in Bad Kissingen:

Benedikt Borst

Bad Kissingen: Auf der vom DGB-Kreisverband organisierten Podiumsdiskussion, zu der die Saalezeitung als Kooperatiospartner gewonnen werden konnte versuchten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung Antworten zu geben. Begrüßt wurden die geladenen und interessierten Gäste vom DGB Kreisvorsitzenden Gerhard Klamet. Auf dem Podium moderierten die stellvertretende DGB-Kreisvorsitzende Victoria May und Saale-Zeitung-Redakteur Ralf Ruppert.

Der Grundtenor des Abends war dabei trotz großer anstehender Herausforderungen im Hinblick auf Unterbringung und Integration positiv. "In Jeder Krise steckt eine Chance", sagte Stefan Seufert, Asylkoordinator des Landratsamtes. Vor allem um die Folgen sinkender Einwohnerzahlen im Landkreis abzufedern: Egal ob leerstehende Häuser, schwindende Mitgliederzahlen in Vereinen oder drohende Schulschließungen wegen leerer Klassenzimmer. "Mein Eindruck ist, dass so mancher Bürgermeister ganz froh ist", meinte Seufert.

Benedikt Borst

Der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Bad Kissingen Marco Beier ging darauf ein, welchen Zugang Geflüchtete auf den Arbeitsmarkt haben. In den ersten drei Monaten herrsche ein striktes Arbeitsverbot: "Am Anfang geht's um Wohnung, Verpflegung und andere grundlegende Dinge, da ist der Arbeitsmarkt auch weit weg." Danach sei bis zum 15. Aufenthaltsmonat eine Beschäftigung nur dann möglich, wenn geprüft wurde, dass es für die Stelle keine inländischen Bewerber gibt und der Job angemessen bezahlt wird. Lediglich Ausbildungsplätze würden frei vergeben. Diese Prüfung fällt ab dem 16. Monat weg, aber die Ausländerbehörde muss trotzdem noch zustimmen. Ausnahmen gebe es nur für besonders qualifizierte Flüchtlinge oder ausgewählte Mangelberufe.
Beier stellte klar, dass es auf dem deutschen Arbeitsmarkt rund 15 Prozent einfache Helfertätigkeit gibt. Er sprach sich deshalb für mehr Qualifikation zu Fachkräften anstelle von kurzfristigen Beschäftigungen in einfachen Tätigkeiten aus.

Es wurde aber nicht nur über, sondern auch mit Asylbewerbern geredet. Anastasiia Galanzovska arbeitet hart, um sich ein neues Leben in Bad Kissingen aufzubauen. Die Ukrainerin war wegen der politischen Lage in ihrer Heimat geflohen, wohnt in der Gemeinschaftsunterkunft in Ebenhausen und hat jetzt eine Ausbildung bei der Bad Kissinger Firma Laboklin begonnen.Die Ausbildung verlangt ihr viel Kraft ab: Sie steht um 4.30 Uhr auf, fährt mit dem Zug nach Bad Kissingen, läuft quer durch die Stadt an ihren Arbeitsplatz, kommt abends gegen 19 Uhr nach Hause und paukt dann in der lauten Atmosphäre des Asylbewerberheims Deutsch. "Ich würde gern umziehen, weil ich viel pendeln muss. Das ist aber schwierig", erzählt Galanzovska. Sie würde über Laboklin-Chefin Elisabeth Müller sogar eine Wohnung bekommen, aber der entsprechende Auszugsantrag wurde von der Regierung von Unterfranken nach sieben Wochen noch nicht entschieden. "Der Antrag ist gestellt und liegt auf Halde. Das haben wir uns leichter vorgestellt", bestätigt auch Müller.

Benedikt Borst

Neben Fachvorträgen zum Thema Asyl und der Integration von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt, stellten sich die Diskussionsteilnehmer den Fragen der Moderatoren und denen der rund 80 anwesenden Zuhörer. Ein Thema war die Lage der mehr als 300 Bewohner in der Notunterkunft in einer alten Wäschefabrik in der Röntgenstraße. 20 Asylsuchende sind vor wenigen Wochen vor das Landratsamt gezogen, um dort ihre Anliegen vorzutragen. Eine Zuhörerin kritisierte, dass die Demo für die Akzeptanz der Asylbewerber in der Bevölkerung nicht gut gewesen sei. Der Asylkoordinator des Landratsamtes Stefan Seufert entgegnete, dass es keine echte Demo wegen der Unterkunft war. Es lagen überwiegend persönliche Beweggründe vor. Ein Familienvater wurde beispielsweise auf der Flucht von seiner Familie getrennt. Die Frau ist in Stuttgart untergekommen, das Kind zwischenzeitlich gestorben. "Der Mann wollte verständlicherweise nach Stuttgart fahren", erklärte Seufert. Oliver Plume (Die Linke) war Zeuge des Vorfalls und pflichtete Seufert bei. Die Bewohner der Notunterkunft seien weder aggressiv noch fordernd, sondern den Umständen entsprechend zufrieden. Landrat Thomas Bold (CSU) betonte, dass immer ein Mitarbeiter des Landratsamtes in der Unterkunft sei, so dass schnell auf Schwierigkeiten reagiert werden kann.

Benedikt Borst

Beim Thema Asyl blieb es nicht aus, dass die große Politik im Bad Kissinger Jukuz angesprochen wurde. Der DGB-Kreisvorsitzende Gerhard Klamet äußerte etwa die Befürchtung, dass Arbeitgeber die Asylsuchenden als Billig-Arbeitskräfte missbrauchen könnten. Außerdem warf er der CSU vor, Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Landrat Thomas Bold (CSU) nannte die Kritik plakativ und wies auf Bayerns führende Rolle in der Asylkrise hin. "Bayern hat unheimlich viel geleistet, das muss man auch anerkennen", sagte er. Das betrifft sowohl die Zahl der Flüchtlinge, die hier ankommen und aufgenommen werden, als auch die Gelder, mit denen der Freistaat den Kommunen beisteht. Für grundsätzliche Lösungen sieht er den Bund und die EU in der Pflicht. Bold: "Unsere Aufgabe ist es, die Probleme hier zu lösen."

Mit freundlicher Unterstützung der Saale - Zeitung, Beneditk Borst und Ralf Ruppert

http://www.infranken.de/regional/bad-kissingen/Asylpodium-der-Saale-Zeitung-Chancen-durch-Krise;art211,1317382


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