Deutscher Gewerkschaftsbund

15.10.2015
… do what you can do best and outsource the rest…

Werkverträge als Lohndumpinginstrument? Ja, aber nicht nur….

Teile und Herrsche

DGB Fourm Ufr in AB

Dr. Sandra Siebenhüter DGB Unterfranken

Aschaffenburg. Der Auftakt der Veranstaltungsreihe „DGB-Forum Unterfranken“ fand in Aschaffenburg statt. IG Metall Kollegin Dr. Sandra Siebenhüter konnte als Referentin für die Veranstaltung gewonnen werden. Sie verfasste im August 2013 den Report des DGB-Bayern: „Werkverträge in Bayern – Das neue Lohndumping-Instrument“. In ihrem Vortrag zeigte sie auf, dass Werkverträge nicht nur ein Lohndumpinginstrument sind, sondern auch weitreichende Folgen für den künftigen Arbeitsmarkt, für das Betriebsklima und insbesondere für die Gewerkschaften haben.

Die lebhafte Diskussion unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigte, dass das Thema Regulierung von Werkverträgen nach der Regulierung von Leiharbeit ein bedeutendes Betätigungsfeld der gewerkschaftlichen Auseinandersetzung um gute Arbeit sein wird. Die Diskussion um Werkverträge konnte an dem Abend direkt mit politischen Vertretern erörtert werden. Neben der ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten Karin Pranghofer waren Astrid Stüllein, stellvertretene Faktionssprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Aschaffenburger Kreistag, der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion Aschaffenburg Wolfgang Giegerich sowie der SPD Bundestagsabgeordnete Bernd Rützel anwesend. Betriebsräte berichteten von ihren Erfahrungen mit Werkverträgen und Outsourcing in kommunalen und privaten Unternehmen.

Zu Beginn der Veranstaltung leitete DGB Regionsgeschäftsführer Frank Firsching in das Thema ein und schlug den Bogen von der ausgebeuteten Näherin in Bangladesch zur Erosion des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses in Deutschland.

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Frank Firsching, Bernd Rützel, Sandra Siebenhüter, Björn Wortmann DGB Unterfranken

Dr. Sandra Siebenhüter stellte zunächst fest, dass es Werkverträge schon immer gab, bspw. auf dem Bau Fliesenlegerarbeiten oder hochbezahlte IT-Spezialisten in Unternehmen, die temporär Tätigkeiten verrichten. Sie zeigte in ihrem Vortrag jedoch auf, dass zunehmend ein Missbrauch von Werkverträgen festzustellen ist. Dabei sind nicht nur die Industrie, sondern auch Branchen wie Krankenhäuser und Altenheime, Logistikdienstleiter oder der Einzelhandel von „Werkverträgen“ betroffen. In der Debatte um die Digitalisierung der Arbeitswelt wird intensiv über Outsourcing- bzw. Auslagerungsmöglichkeiten über Werkverträge diskutiert.

Werkverträge sind demnach ein weiteres Glied in der Kette von Flexibilisierungs- und Dumpinginstrumenten. Sie sind nicht nur eine schwere Belastung für die Beschäftigten, sondern haben auch eine enorme, bislang unterschätzte Dimension für den Sozialstaat und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Werkverträge sind nicht nur Ausbeutung, Disziplinierungsmaßnahme und Spaltkeil der Belegschaften, sondern noch viel mehr!

Sie prognostizierte, dass mit der Zunahme der Nutzung von Werkverträgen im täglichen Betrieb eines Unternehmens einem Fachkräftemangel Vorschub geleistet werde, da Werkvertragsunternehmen nicht ausbilden, sondern bereits Ausgebildete einsetzen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Betriebe, die zunehmend Werkvertragsbeschäftigte im täglichen Betrieb einsetzen, weniger ausbilden, da für den „Stammbetrieb“ weniger Facharbeiter benötigt werden. Auf den ersten Blick kauft man sich Arbeitskraft über ein Werkvertragsunternehmen „günstiger“ ein, langfristig werden Betriebe von den Werkvertragsunternehmen „abhängig“, wobei die Fragen nach der Qualität und der Preiskalkulation zu stellen sind.

Zudem leite die Zunahme von Werkverträgen einen schleichenden Prozess eines arbeitsmarktpolitischen Paradigmenwechsels ein. Aus dem Prinzip der Kollektivierung der Arbeit werde zunehmend eine Individualisierung. Einzelne Beschäftigte bieten ihre Fertigkeiten an, kommen in Unternehmen, verrichten ihre Dienste und heuern wieder an einem anderen Unternehmen an.

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Teilnehmerinnen und Teilnehmer am DGB Forum Unterfranken in der AOK Aschaffenburg DGB Unterfranken

Insbesondere für die Solidarisierung von Belegschaften biete dies Sprengstoff. Mittlerweile gebe es Situationen in Unternehmen, die eine Organisierung von Gewerkschaften und Betreuung durch Betriebsräte erschweren und behindern. Wenn in einem Unternehmen in einer Fabrikhalle mehrere verschiedene Beschäftigungsgruppen (Stammbelegschaft, Leiharbeiter, Werkvertragsbeschäftigte, Leiharbeiter vom Werkvertragsunternehmen, Subunternehmer, Solo-Selbständige,…) arbeiten, die unterschiedlich bezahlt werden, unterschiedliche Arbeitszeiten haben und nur temporär vor Ort sind, stellen sich neue Fragen der gewerkschaftlichen Organisation und Solidarität.

Organisiert man Werkvertragsbeschäftigte, lässt einen Betriebsrat wählen und etabliert diesen, schließt einen (Haus-)Tarifvertrag ab, um somit die Arbeitsbedingungen zu verbessern und Löhne zu erhöhen, könnte der einsetzende Betrieb ein anderes Werkvertragsunternehmen mit den Tätigkeiten beauftragen, weil zu erwarten ist, dass die Preise des organisierten Werkvertragsunternehmens steigen werden, da die Beschäftigten zu ordentlichen Bedingungen arbeiten. Dr. Sandra Siebenhüter regte daher an, auch ins Gespräch mit ehrenwerten Unternehmern zu treten, die zunehmend unter Druck durch die Lohndumping-Konkurrenz geraten.

Darüber hinaus kann ein Betrieb mit Hilfe von Werkvertragsbeschäftigten seine eigene Belegschaft strategisch konstant klein halten, um die Zahl der Betriebsräte nicht zu erhöhen und somit das Wachstum des Betriebes über Werkvertragsbeschäftigte zu organisieren.

In diesem hochspannenden und interessanten Vortrag von Dr. Sandra Siebenhüter wurden noch viele weitere Aspekte, Facetten und Folgen des größer werdenden Markts von Werkvertragsunternehmen aufgezeigt und diskutiert, die man in einem kurzen Artikel nicht ausreichend wiedergeben kann – etwa die unberücksichtigten sozialen Folgekosten und die Sozialisierung der volkswirtschaftlichen Kosten.

Dennoch müssen wir zusammenfassend feststellen, dass die Zunahme von Werkverträgen Gewerkschaften und die Arbeitswelt vor große Herausforderungen stellen, die strategisch und politisch gelöst werden müssen.

Daher bedarf es einer Regulierung von Werkverträgen, einer Abgrenzung zu Leiharbeit und mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten von Betriebs- und Personalräten in den Unternehmen. Eine zunehmende Mehr-Klassenarbeitnehmergesellschaft in einem Betrieb können und wollen wir uns nicht leisten. Gute Arbeit muss für alle zu den gleichen Bedingungen gelten!  


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