Deutscher Gewerkschaftsbund

19.09.2014
Die IG Metall Schweinfurt erinnert an den „Bayern-Streik“ von 1954

Seit 60 Jahren: Konflikte, Kämpfe, Kompromisse

IG Metall Schweinfurt

Schweinfurt: Die IG Metall Schweinfurt hatte den ganzen Gewerkschaftsbezirk ins Konferenzzentrum eingeladen. 2014 haben zwei, nicht nur aus Sicht der IG Metall, herausragende gewerkschaftliche Ereignisse Jahrestag. Der Bayernstreik von 1954 jährt sich zum 60. Mal und vor 30 Jahren begann der Kampf um die Durchsetzung der 35 Stunden Woche. Mit Zeitzeugen wurde erinnert, mit prominenten Gewerkschaftsvertretern diskutiert und mit Betriebsräten und Gewerkschafterinnen aus Bayern, in der Mehrzahl der Anwesenden vor allem aus der Region, über Konsequenzen für die tarifpolitische Zukunft nachgedacht. 

Die IG Metall hat beide Wegmarken gewerkschaftlicher Auseinandersetzung zum Anlass genommen kritisch zurückzublicken, aber auch in die Zukunft zu schauen. „Gewerkschaftsarbeit ist ja immer abhängig von dem was Generationen vor uns erreicht und erstritten haben. Der Verdienst der aktiven Generation sollte dabei mindestens das Bewahren des Erkämpften, besser noch die Erreichung neuer Ziele sein.“ so Peter Kippes, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Schweinfurt bei der Eröffnung der Veranstaltung. 

Die Veranstaltung begann mit einer Zeitreise in das Schweinfurt von 1954, vorgetragen von My Linh Pham, Jugend- und Auszubildendenverteterin bei SKF und Benjamin Hornung, Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall Schweinfurt. Eine „Zeitreise“ die ohne das herausragende Engagement von Klaus Hofmann von der Schweinfurter Initiative gegen das Vergessen nicht möglich gewesen wäre. 

Es war beileibe keine Tarifrunde wie sie uns heute begegnet. Aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegsjahre forderten die Gewerkschaften den Anteil an den Zuwächsen für die Arbeiter und Angestellten. 1954 gab schon vor der Auseinandersetzung in Bayern eine Reihe von Arbeitskämpfen in verschiedenen Branchen Westdeutschlands. Bayern war eigentlich dabei von der Gewerkschaftsspitze eigentlich gar nicht als Bezirk für einen Streik ausgewählt gewesen. In Baden Württemberg gab es einen Abschluss ohne Streik, der von den meisten Tarifgebieten übernommen wurde. 

 

IG Metall Schweinfurt

In Bayern waren die Arbeitgeber nicht bereit diesen zu übertragen. Sie verweigerten Verhandlungen und die IG Metall musste entscheiden wie sie darauf reagieren würde. Bayern stand als Tarifgebiet ohne Abschluss da. Sollte man das Diktat akzeptieren und klein beigeben? Oder dagegen kämpfen und die Organisation mobilisieren? Offensichtlich wollten die Arbeitgeber eine Machtprobe und klein beigeben hätte dazu geführt, die Situation auf Jahre zu zementieren. Noch dazu wo die Löhne in Bayern den anderen Tarifgebieten stark hinterherhinkten und die Arbeitgeber noch massive Verschlechterungen in der Lohngruppen-Relation verlangten (vor allem bei Frauen, Jugendlichen, Angelernten). Die IG Metall entschied sich für einen Arbeitskampf - dieser wurde vehement von der Unternehmensseite bekämpft. Gerade für die Betriebe der Stadt und der Region wurden Maßnahmen berichtet die in der heutigen Zeit undenkbar wären. Es wurde mit dem Verlust des Arbeitsplatzes gedroht, mit dem Verlust der Werkswohnung, mit der Streichung von freiwilligen Leistungen, von sozialen Leistungen und, und, und. Dabei ist wichtig zu wissen, dass vor 50Jahren Bayern noch überwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Für Industriearbeiter wäre der Verlust des Arbeitsplatzes mit katastrophalen Konsequenzen verbunden gewesen. Die Ergebnisse der Auseinandersetzung sind unterschiedlich bewertet worden.  Für viele Schweinfurter Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter waren die daran anschließenden Jahre stark von diesen Erfahrungen geprägt. Es brauchte nach Aussage einiger anwesenden Zeitzeugen lange bis die Wunden geleckt und die Verletzungen dieser Wochen überwunden war.

35 Stunden sind genug

Darauf folgten mehrere Diskussionsrunden mit Zeitzeugen, wie z.B. dem ehemaligen Bezirksleiter der IG Metall Werner Neugebauer, der sehr anschaulich den langen Weg der Einführung der 35 Stunden Woche erläuterte. „Die IG Metall fordert die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 40 auf 35 Stunden - bei vollem Lohnausgleich. Das sollte helfen, die Arbeit gerechter zu verteilen. Das Ziel: Arbeit sichern und neue Stellen für die damals 2,5 Millionen Erwerbslosen schaffen. Und schließlich, Arbeit menschlicher machen: "Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen" - dafür stand die 35-Stunden-Sonne. Die Arbeitgeber waren strikt dagegen. Die größte soziale Machtprobe der Nachkriegszeit bahnte sich an.“ so Werner Neugebauer. 

Der „neue“ Bayernstreik

Den letzten Teil ihrer Veranstaltung widmete die IG Metall dann der tarifpolitischen Gegenwart und der Zukunft. Neugebauer machte deutlich, dass der erfolgreiche Pilotabschluß 1995, das heißt der erste Tarifabschluss der Tarifrunde 1995 wurde in Bayern vereinbart, die Reste des Makels von 1954 beseitigt habe.

Jürgen Wechsler, Neugebauers Nachfolger und amtierender IG Metall Bezirksleiter machte dann auch keinen Hehl aus seinem Stolz ob des Gelingens eines weiteren „Piloten“ in Bayern im Jahr 2013.

Für die ins Haus stehende Tarifauseinandersetzung zu Beginn  des Jahres 2015 waren sich alle einig, wie wichtig Regelungen für die Bereiche „Flexible Ausstiegsmöglichkeiten“ und die „Verbesserung von Qualifizierungsmöglichkeiten“ sein werden.

Wechsler betonte trotz der Monate die bis zur eigentlichen Auseinandersetzung noch ins Land gehen werden, die Kampfbereitschaft seiner Organisation. Dabei verwies er vor allem auf die veränderten und den aktuellen Bedingungen angepasster Arbeitskampfkonzepte seiner IG Metall. Die Arbeitgeber sollten gewarnt sein.